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Erste Jahre in Bell

Wir leben in einem Jahrhundert der rasenden Fortschritte. Als mein Vater jung war, gab es noch kein Auto, kein Flugzeug, kein Radio, noch viel weniger Fernsehen - alles Dinge, die heute alltäglich sind. Wir ahnten nichts von alledem und waren auch so zufrieden.

Meine Eltern wohnten in Bell, einem Dorf im Hunsrück mit damals etwa 100 Häusern. Der Hunsrück ist eine Landschaft, die zum Rheinischen Schiefergebirge gehört. In meiner Kindheit gab es dort Bauerndörfer mit steinigen Wegen und sauberen Häusern. Ich sagte: „Schiefergebirge“. Schiefer ist ein dunkles graublaues Gestein, das sich in Platten spalten läßt. Mit diesen Platten decken die Menschen ihre Häuser. Die Häuser sind aus Fachwerk gebaut. Die beiden Wetterseiten sichert man auf dieselbe Weise mit Schieferplatten.

Nun habe ich dumm angefangen. Mein Haus beginnt beim Dach. Ich kam nämlich in meinen Gedanken vom Bahnhof her über den Beller Markt. Und da liegt mein Heimatdorf vor mir, eingebettet in Felder und Wiesen. Und was sehe ich zuerst? Dunkle Dächer über weißen Mauern, die von dunklen Balken durchzogen sind in allerlei Mustern. (...)

In meiner Heimat wächst der Weizen, auch der Roggen, so hoch, daß ihr von erwachsenen Menschen kaum die Köpfe seht, wenn sie hindurchgehen. Die Ähren werden gedroschen, so daß die Körner herausfallen. Wer es gehört hat, wird es nie wieder vergessen: nämlich das Dreschen. Die Bauern stehen auf der Tenne, dem großen freien Platz in der Scheune oder davor. Sie schlagen mit Dreschflegeln auf das Korn. Das geschieht in einem Rhythmus, je nachdem, ob es drei oder vier Drescher sind. Das Stroh, die goldenen trockenen Halme, findet vielerlei Verwendung. Eine ist, daß man die Bündel über die Sense zieht und so kurze Stückchen schneidet, die mit Lehm vermischt werden. Die geben dann dem Mörtel den richtigen Halt. Mit diesem Mörtel füllt man die Freiräume zwischen den Balken aus. Das ganze nennt man Fachwerk.

Die Fenster! Sie waren in meiner Kindheit etwas ganz Besonderes. Kam ich abends ins Dorf, wenn die Sonne schon tief stand, dann schienen die Fenster zu glühen. Sie hatten nämlich kein glattes, gerades Fensterglas, sondern gewölbte Scheiben, wie ganz flache Teller, aber viereckig, mit der Wölbung nach außen. Die Sonnenstrahlen, die so schräg darauf fielen, ließen sie golden erglänzen. Und wenn gar eine Hausfrau ein Fenster öffnete schossen Blitze umher.

Meine frühesten Erinnerungen wandern zu zwei Häusern im Dorf: dem Pfarrhaus, das schon fast 200 Jahre alt war, und dem Haus von Feys.

Am 21. Oktober 1917, dem vorletzten Jahr des Ersten Weltkrieges, in dem meine Eltern das dumpfe Rollen der Kanonen hören konnten, wurde in diesem alten, so heimeligen Haus ein kleines Mädchen geboren. Es hätte ein Junge sein sollen. Darum hatten seine Eltern auch nur einen Jungennamen ausgesucht. Nun, da guckte der Vater auf den Kalender, wo jeder Tag einen Namen hat. Und da stand Ursula. So wurde dieses kleine Mädchen Ursula genannt und war später mit seinem Namen nicht unzufrieden. Eine Woche später fiel dicker Schnee. Dann wäre kein Arzt durchgekommen. Und vielleicht wäre meine Mutter gestorben, wenn ich eine Woche später geboren wäre, denn die Geburt war sehr schwierig.

Kriegszeiten sind schwer. Es gab nicht genügend nahrhaftes Essen. In den meisten Familien waren die Männer Soldaten, weit weg im Krieg. Die Feldarbeit mußte von den Frauen und Kindern getan werden. Fleisch, Mehl und Gemüse waren knapp. Und so bekam ich wie viele kleine Kinder die „Englische Krankheit“ (Rachitis). Die Knochen haben nicht genug Kalk. Die Kinder fangen spät an zu laufen und zu sitzen. Ich fing mit fast zwei Jahren an, mit krummen Beinchen herumzuwatscheln. Da meine Eltern sich sehr bemühten, uns alles zur Gesundheit Erforderliche zu geben, wurden sie bald gerade. Wir bekamen regelmäßig Kalzan und Lebertran, der sooo gut sein sollte und ziemlich scheußlich schmeckte. Manchmal gab’s dann etwas Leckeres hinterher.

Da war ich also, ein Sonntagskind mit dünnen roten Haaren, das später unsicher durchs Haus wackelte. Eine meiner Tanten genierte sich, mit mir spazieren zu fahren, weil ich rote Haare hatte. Aber es gab doch viele Menschen, die mich sehr lieb hatten und die über meine Kindheit wachten. (...)

Ein Fest war es, wenn wir mit aufs Feld durften zum „Zehnouerstick“. Das zweite Frühstück um 10 Uhr aßen die Bauern auf dem Feld, um nicht zuviel Zeit zu verlieren. Da saßen wir je nach Jahreszeit im Stoppelfeld, auf der frisch gemähten Wiese oder im Heu, das wunderbar duftete. Die Tante Fey hatte eine halbe rohe Kartoffel auf die Tülle des Kaffeekessels gesteckt, damit der Kaffee, meist Malzkaffee, d.h. aus gerösteter Gerste zubereitet, nicht kalt wurde. Natürlich schmeckte das Frühstück draußen viel besser als zu Hause. Dazu kam die herrliche Aussicht ins Land. Der Hunsrück ist sehr schön und abwechslungsreich. Wenn man heute die Hunsrückhöhenstraße entlang fährt, bieten sich immer neue Ausblicke auf die Dörfer, oft mit einer Kirche.

Im Hunsrück galt einmal das Gesetz: cuius regio eius religio. Das bedeutet, daß die Bevölkerung die Religion des Landesfürsten annehmen mußte, sogar wenn dieser seinen Glauben wechselte. Bell hat eine evangelische Kirche, Buch, das Nachbardorf, eine katholische. Da taucht wieder die Erinnerung auf. Buch liegt hinter dem Wald. Wenn dort die Glocken läuteten, klang es so warm und eindrucksvoll zu uns herüber, daß ich auch das nie vergessen werde. Nirgends auf der Welt, wo ich je war, haben mich die Glocken so beeindruckt wie in Deutschland. (...)

Fuhr man vom Feld nach Hause und war der Wagen nicht zu hoch geladen, durften wir mitfahren. Solch eine Fahrt, liegend im frischen Gras oder Klee, oder gar hoch oben im Heu, wird niemand vergessen, der sie mitgemacht hat. Man blickt in den Himmel, sieht ab und zu die Straßenbäume über sich dahinziehen. Man deutet die Formen der Wolken. Man nimmt all die Geräusche in sich auf: das Stampfen der Hufe, das Quietschen der Räder, das Schnauben der tüchtigen Zugtiere. Tüchtig müssen sie sein. Es ist ein ständiges Bergauf und Bergab. Geräusche, Gerüche, Himmel und Wolken verwoben sich zu einem einzigen Gefühl der Wonne. (...)

Wir mußten gehorchen. Darauf bestanden unsere Eltern. Aber wir taten doch manches „gegen das Gesetz“. Da unser Zu-Hause preußisch streng war, da Vater alles beherrschte, durften wir z.B. nicht hinfallen. Es hatte keine aufgefallenen Knie zu geben und noch weniger aufgefallene Strümpfe. Ach, diese Löcher in den Knien! Wir trugen in der kalten Jahreszeit lange Strümpfe, die mit Lochgummi an einem sogenannten Leibchen gehalten wurden. Obstflecken waren auch nicht erlaubt. Da stand dann Katchen (Fey) - neben ihrer vielen Arbeit - am Waschtrog, wusch unsere Kleider und bügelte sie trocken, stopfte auch unsere Strümpfe, so daß wir sorglos nach Hause gehen konnten. Sie heilte unsere Wunden. Plötzlich tat nichts mehr weh. (...)

Oft ging Mutter mit Vater auf die Dörfer. Da mußten Hausbesuche gemacht werden, auch Krankenbesuche. Und fast alles zu Fuß. Es gab keine Fahrmöglichkeit außer manchmal das Postauto, das zwei oder drei Personen mitnehmen konnte. Zurück mußte man dann doch zu Fuß gehen. (...) Mein Bruder Richard fuhr zum Gymnasium nach Boppard. Der Bahnhof lag etwa zwanzig Minuten vom Dorf entfernt. Der Zug fuhr gegen halb sechs früh ab. Also mußte Richard sehr früh aufstehen und mit seinem Schulranzen auf dem Rücken zum Bahnhof wandern. Im Sommer war es ja hell. Im Winter jedenfalls begleitete Vater ihn oft zum Bahnhof. Er kochte Kaffee auf dem großen Holzfeuerherd, oft auch ein Frühstücksei, fragte die Hausaufgaben ab und los ging’s. Einmal haben sie sich im tiefen Schnee verlaufen. Da fuhr der Zug dann ohne Richard ab. (...) Das Ganze dauerte drei Jahre. Dann zog er nach Schulpforta, wohin Vater ihn begleitete. Er wollte seinem einzigen Sohn die bestmögliche Erziehung geben. Schulpforta, nahe bei Naumburg im Thüringer Wald, hatte den Ruf der damals besten Schule in Deutschland. Die Reise war weit. Sie kostete viel Geld. Und Richard mußte lernen, allein zu reisen, nachdem er die Aufnahmeprüfung bestanden hatte. Vater hatte seinem Sohn beigebracht, für spätere Fahrten, immer seinen Fuß an den Koffer zu stellen, damit er fühlte, wenn jemand ihn wegnehmen wollte. Richard tat es. Einmal auf dem Frankfurter Hauptbahnhof versuchte jemand, den Koffer wegzunehmen. Richard holte weit aus und wollte dem vermeintlichen Dieb eine runterhauen. Es war sein Vater, der ihm auf die Schulter klopfte und sagte: „Gut, mein Sohn!“ (...) Die Eltern ließen sich unsere Erziehung wirklich viel kosten. Man mußte ja damals monatlich Schulgeld zahlen. Dazu kamen die Fahrten. Schulbücher konnte man manchmal von der Schülerbücherei leihen und mußte sie natürlich in gutem Zustand bei Schuljahrsende wieder abliefern. Für uns jüngere Kinder gab es Geschwisterermäßigung, sogar bei der Monatskarte im Zug.

Nun habe ich soviel von Bell erzählt. Was aber fehlt, ist das Anwesen, in dem wir wohnten.

Unser Haus lag am Fuß der ‘Hinnergaß’. Eine Mauer verjüngte sich nach oben. So konnte man von der Gasse aus in den Vorgarten treten. Ein weißer Lattenzaun begrenzte ihn zur Straße. Der Aufgang zum Haus war auch etwas Besonderes. Zu beiden Seiten der breiten Treppe standen Akazien, die manchmal rund geschnittene Köpfe hatten. Im Vorgarten gab es außer Büschen einen kleinen runden Tisch mit einer Schieferplate. Die drei hölzernen Beine waren wohl schon brüchig geworden. Wenn man die Tür öffnete, erklang laut eine Schelle. Man betrat einen mit großen Steinfliesen belegten Flur, in dem alles besonders hallte. Rechts und links lagen die Zimmer. Vorne rechts das große Eßzimmer mit einem dicken dunklen Eichenbalken als Deckenstütze und breiten Holzbrettern auf dem Fußboden. Hinter dem Eßzimmer lag die Küche. Es gab da einen großen eisernen Herd für Holzfeuer. (...) Unten links war Vaters Studierzimmer. Ich erinnere mich gut an den Rauch der Pfeife. Oft war Vater eingehüllt in eine Rauchwolke. Hinter dem Studierzimmer, wo Vater von Gemeindegliedern besucht wurde, befand sich der Salon. Er wurde nicht allzu oft benutzt. Für mein Gefühl war er „zu fein“. (...) Oben waren die Schlafzimmer und eine Speisekammer. Für den oft langen Winter mußte vorgesorgt werden. Die Regale waren voll gefüllt mit Einmachgläsern, und getrockneten Pilzen, Pflaumen, Apfel- und Birnenschnitzen. Es gab von den um die 200 Obstbäumen genug Früchte aller Arten. Wo die Kinder heute Süßigkeiten essen, aßen wir eben getrocknetes oder auch natürlich frisches Obst. Es wurden auch viele Marmeladen und Gelees eingemacht. Meist hatte Mutter ein Mädchen zur Hilfe. In der Kriegszeit hielt sie auch Schafe und Schweine außer den Hühnern, die wir immer hatten. Mutter lernte spinnen. Sie verarbeitete die geschlachteten Tiere. Früher wurde viel Fleisch eingepökelt, später auch in Gläser eingeweckt. Das schmeckte uns allen viel besser. Auch Sauerkraut machte sie jedes Jahr ein.

Die Gärten waren ein wunderbarer Tummelplatz für uns. Hinter dem Haus gab es zunächst einen Hof mit großen quadratischen Steinplatten. Unten vom Hof ging es ein paar Stufen hinauf in den Beerengarten und zum Wald. Ach dieser Wald! Er wurde links begrenzt durch die Lehm-Fachwerkwand der Scheune. Nach hinten zur Bitz durch einen Zaun und einen großen Holunderbusch. Und der Wald selbst bestand aus vier dicken, hohen Fichten, unseren Tannen. In dem Zwischenraum stand ein großer ovaler Schieferplattentisch. Wir Kinder saßen an den Längsseiten auf einer einfachen Holzbank, die Eltern in Klappstühlen an den kurzen Seiten. Wie oft haben wir da im Sommer zu Mittag und zu Abend gegessen! Es war immer ein Fest. (...) Unterhalb der hohen Mauer an der Straße, die das Wohnhaus einfaßte, befand sich eine große Einfahrt zu Scheune und Gemüsegarten. Heute ist die Scheune Gemeindesaal. Damals war es eine richtige Scheune. Zwar hatten wir keine Felder. Darum weiß ich eigentlich nicht mehr, wozu sie uns diente. Aber links davor, neben dem Gemüsegarten stand ein Walnußbaum, den unser Vater gepflanzt hat. (...) Da wir ja Ofenheizung hatten, mußte immer Holz bereit sein. Unser Vater hackte das Holz mit einer Axt auf einem Hackeklotz. Als ich größer war, mußte ich die heruntergefallenen Klotzteile so aufstellen, daß Vater sie passend stehen hatte, um sie weiter zu zerkleinern. Auch erinnere ich mich an das Sägen der Stämme. Es gab einen Sägebock mit Pinnen nach beiden Seiten. Dazwischen wurden die Stämme gelegt und dann mit einer Bügelsäge von zwei Menschen gesägt. Früher waren es Vater und Richard, später habe ich es auch oft getan.

Einmal hat Vater meine Tante Lene sehr böse gemacht. Ich war in den Ferien für etwa zwei Wochen bei ihr. Ein seltenes Ereignis. Da kam mitten in der Zeit ein Brief, ich müsse zurückreisen. Er brauche mich zum Holzhacken. Das war ein Schlag. (...)

 

URSULA VON BRUNN
geb. Klauß