headerphoto

Die Verlobung - die „Hielich“ oder „Hillich“

Eine Geschichte gebe ich hiermit weiter:

Die Verlobung - die „Hielich“ oder „Hillich“

Mein Großvater hatte noch vier jüngere Schwestern. Zwei waren bereits verheiratet , und nun war die dritte, Katharina, im heiratsfähigen Alter. Ein junger Bauernbursche aus Gödenroth „freite“ um sie und meldete seinen Besuch an. An einem Abend erschien er mit den Freiersleuten, zwei älteren Männern aus seiner Verwandtschaft. Man „maijte“ miteinander, sprach von diesem und jenem, von dem Viehbestand, den Äckern, der Ernte. Endlich sagten die beiden Männer den Freiersspruch auf (der leider nicht überliefert ist) und wurden daraufhin zum Essen gebeten. Nach alter Hunsrücker Sitte brachte die Hausfrau nun die große Stielpfanne mit gebackenen Eiern und Speck auf den Tisch.

Die Eltern hatten sich erkundigt, der junge Mann war ein einziger Sohn, und so war es ihnen sehr recht, daß ihre Tochter dort einheiraten konnte.

Das Einverständnis war schon ohne Worte durch das Essen angezeigt worden. Im Falle einer Ablehnung hätte man zu Brot und Butter den selbstgemachten Handkäse gereicht!

Katharina erhielt nun von dem Bauernburschen ein Goldstück, das sogenannte „Handgeld“, und war somit seine Braut.

An einem der nächsten Tage holte er sie ab, um ihr sein Elternhaus zu zeigen, in dem sie später leben und wirken sollte. Er war zu Fuß gekommen, und zu Fuß machten sich nun beide auf den Weg von Bell nach Gödenroth. Sie fand alles ganz ordentlich und war zufrieden. Am späten Nachmittag traten die beiden wieder zu Fuß den Rückweg nach Bell an.

In der Bopparder Straße in Kastellaun steuerte der Bräutigam eine Gastwirtschaft an: „Lo gehn mer nin“. Gesagt - getan.

Und nun lernte Katharina ihren Zukünftigen kennen. Er bestellte für sich ein Glas Wein nebst Brot und Wurst. Dann zu seiner Braut gewandt eine Frage, die die Antwort bereits einschloß: „Gell Katt, Dou host doch kää Hunger!?“

Da sprang Katharina auf, verließ fluchtartig die Gastwirtschaft, gefolgt von ihrem Bräutigam, und eilte schnellen Schrittes nach Hause.

Weinend erklärte sie ihren Eltern: „Dä mah äich nit, dän häirare äich niemols“! Der Vater redete ihr gut zu. Er dachte wohl an die gute Partie, die damit „verschlaan“ war, und an das durch das Handgeld gegebene Versprechen. Doch mein Großvater ergriff Partei für seine Schwester: „Wie sull dat uusem Katt dann spärer gehn, wenn dä awäi schunn määnt, et hät kä Hunger ?“ Das überzeugte auch den Vater. Der nahm das Handgeld und brachte es noch am gleichen Abend dem Bräutigam nach Gödenroth zurück. Damit war die Verlobung gelöst, aus dem so gut geplanten Bund fürs Leben wurde nichts!

 

Hatte mein Großvater soweit erzählt, so blinzelte er mir zu und zitierte das alte Sprichwort:

„Mädchen, tu die Augen auf,

Heiraten ist kein Pferdekauf!“

 

Manchmal unterbrach sich der Großvater mit der Bemerkung: „Et is genuch for hout, mer is et Moul so drugge“. Dann griff er zu seinem Taschenmesser und der Rolle Kautabak, um einen neuen Priem zurecht zu schneiden.

Ich aber freute mich auf die Dämmerstunde des nächsten Tages.

 

DORA REINHART