headerphoto

Die Anfänge des Geschäfts sind nicht mehr auf Jahr und Tag festzulegen. Der Großvater von „Franze Frieda“,Frieda Bei, geb. Wendling, Friedrich Wendling, hat wahrscheinlich einen Handel mit Baumwolle und Baumaterial (Nägel, Bretter ...) begonnen. Seine Aufzeichnungen beginnen ab dem Jahre 1888. Das Material kaufte er bei der Firma Steinhauer (heute Gold) in Kastellaun. Verkauft wurde z.B. auch an Sonntagen nach dem Gottesdienst. Dann kamen die Kirchgänger aus Bell oder den Kirchdörfern und nahmen mit, was sie brauchten. Ein Posten, der am häufigsten in den Büchern auftaucht, ist Baumwolle, die fürs Weben von Leinen gebraucht und im Strang verkauft wurde. Ein Pfund Baumwolle kostete damals 75 Pfennig, ein Liter Petroleum 24 Pfennig. Meistens ließen die Kunden zunächst „anschreiben“ und zahlten später, wenn mehrere Rechnungen zusammen gekommen waren.

Das Geschäft wurde dann von dem Sohn, Peter Wendling, fortgeführt.

Alle Geschäftsbücher über Einnahmen, Ausgaben, Verleih und „Anschreiben lassen“, die bis vor einigen Jahren existierten, sind inzwischen bis auf eins vernichtet worden. Das übrig gebliebene Geschäftsbuch ist heute im Besitz von Frieda Bei.

Das Angebot wurde unter Peter Wendling erweitert. Zu den oben genannten Artikeln kamen z.B. auch Lebensmittel (Colonialwaren) hinzu. Vorgehalten und verkauft wurden die Dinge, die die Leute nicht selbst herstellen konnten, und Feld, Garten und Stall nicht hergaben, z.B. Zucker, Salz, Heringe, Petroleum, Bleichsoda, ...

1923 während der Inflation und ständigen Geldentwertung gab Peter Wendling sein Geschäft auf. Er hätte jeden Tag nach Kastellaun laufen müssen, um auf dem Amt den amtlichen Kurs des Geldwertes zu erfragen. Diese Zeit konnte er nicht aufbringen, da er ja in erster Linie Landwirt war.

In dieser geschäftslosen Zeit begann die örtliche Raiffeisengenossenschaft einen Warenverkauf im alten Rathaus (Aufgang von der Dorfstraße gegenüber „Schnäirersch“) im früheren Schulsaal. „De Miehlekopp“, Peter Boos, der Raiffeisenrechner, führte die Geschäfte.

„Strumpeerersch Katche“, Katharina Michel, übernahm zu einem nicht mehr genau festzulegenden Zeitpunkt im Auftrag und im Namen der Raiffeisengenossenschaft Bell den Verkauf und führte ihn später im eigenen Haus weiter. Das Geschäft lief auf ihren Namen weiter, auch dann, als Franze wieder eröffneten.

Am 1. 5. 1927 wurde Franze Geschäft auf den Namen Peter Wendling wieder eröffnet. Bei der Anmeldung des Geschäfts wurde festgestellt, daß der frühere Laden und Handel überhaupt nicht registriert, d. h. nicht angemeldet war.

Ostern 1927 wurde Tochter Frieda aus der Schule entlassen. Sie wurde von ihrem Vater angelernt und führte später das Geschäft selbständig. Sie brauchte dafür keine besondere Ausbildung oder Prüfung.

Ihr erster Kunde nach der Wiedereröffnung war „Schwickerts Franz“, der ein Pfund „Beereschmeer“ (Rübenkraut) kaufte. Die „Beereschmeer war in einem großen Eimer und wurde bei Bedarf mit einem breiten Holzspachtel vorsichtig in die mitgebrachte Schüssel, die vorher abgewogen worden war, eingefüllt.

Wie sah das Geschäft aus? An der Seite des Hauses - zur Straße hin - war das hölzerne Ladenschild angebracht. Vorne an der Hausecke war eine Petroleumlampe an einem Schwenkarm befestigt, die die Dorfstraße am „Boor“ beleuchtete, bis es in den Jahren 1921/22 elektrisches Licht gab. Abends bei Einbruch der Dunkelheit wurde die Lampe von innen ans Fenster gezogen, mit Petroleum gefüllt und angezündet. Die Lampe wurde wieder zurückgeschwenkt und arretiert. Vor dem Zubettgehen wurde die Lampe gelöscht.

Nach der Einführung der Elektrizität wurde die Nachfrage nach Petroleum geringer. Das Petroleum war in einem großen Kanister mit Kränchen im Keller gelagert. Dort stand auch das hölzerne Heringsfaß mit den Salzheringen.

Im Laden gab es an den Wänden Regale mit Schubladen für das größer werdende Warenangebot. Alle Waren, z.B. Kolonialwaren, wie Zucker, Kaffe, aber auch Salz und Hülsenfrüchte waren lose, wurden abgewogen und in Papiertüten verpackt und verkauft. Irgendwann kam ein Drogenschrank zum Inventar. Im unteren Teil des Schrankes befanden sich in einer Seite Schubladen für alle möglichen Gesundheitstees. In der anderen Seite wurde Tiermedizin aufbewahrt. Im oberen Teil, einem Glasschrank, der abgeschlossen sein mußte, lagerten Arzneimittel wie „Licht-Hingfongtropfen“, Franzbranntwein, Spalttabletten, Essigsaure Tonerde ...

Später wurden Spalttabletten apothekenpflichtig und mußten aus dem Sortiment genommen werden. Die Einhaltung der Vorschriften sowie die Sauberkeit im Geschäft wurden von der Kastellauner Polizei kontrolliert.

Eines Tages kam Polizist S. in den Laden und verlangte Spalttabletten gegen seine, wie er sagte, starken Kopfschmerzen. Frieda Wendling antwortete ihm schlagfertig: „Sie wissen doch, daß wir keine Spalttabletten mehr verkaufen dürfen, aber ich habe privat welche und kann Ihnen gerne eine geben.“ Sie ging in die Wohnung und kam mit einer Spalttablette und einem Glas Wasser zurück in den Laden. Der Polizist mußte nun wohl oder übel die bittere Pille schlucken.

Kurz nach der Wiedereröffnung des Geschäfts 1927 wurde die EDEKA-Genossenschaft in Kastellaun gegründet. Peter Wendling war Gründungsmitglied. Sitz der Genossenschaft war anfangs Kastellaun. Von der EDEKA wurde das Geschäft ca. 40 Jahre lang beliefert. Das Warenangebot wurde ausgeweitet und umfaßte auch Wasch- und Reinigungsmittel, Kurzwaren wie Nähgarn, Knöpfe, Gummiband, Strickwolle, Briefpapier, Schulartikel, Spirituosen usw.

Nach ihrer Schulentlassung 1934 half auch Tochter Hilde (heute H. Lang) im Geschäft mit. Kurz vor dem Krieg und teilweise während des Krieges führte sie das Geschäft eine Zeitlang alleine mit ihren Eltern, weil ihre Schwester geheiratet hatte und nach Wittlich umgezogen war.

Während der Kriegszeit waren die Lebensmittel rationiert. An die Bevölkerung wurden Lebensmittelkarten ausgegeben. Die eingelösten Kartenabschnitte mußten sortiert, aufgeklebt und der Amtsverwaltung in Kastellaun vorgelegt werden.

In dieser Zeit wurde auch alljährlich im Spätjahr eine gemeinschaftliche Salzbestellung durchgeführt. Die Leute benötigten das Salz in der Herbst- und Winterzeit, wenn der Kappes eingeschnitten und nach dem Schlachten das Fleisch eingepökelt wurde. Das Salz wurde zentnerweise geliefert. Manchmal teilten sich auch zwei Haushalte einen Zentnersack.

Des weiteren organisierten Franze in der Vorweihnachtszeit eine Sammelbestellung für „Waldböckelheimer Lebkuchen“.

1949 bekam Frieda Bei das Geschäft ihres Vaters überschrieben. Nun wurde von ihr verlangt, sie müsse die kaufmännische Prüfung nachmachen. Franz Gorges, ein Kaufmann aus Buch, setzte sich dafür ein, daß die Zeit seit 1927, in der sie praktisch das Geschäft selbständig geführt hatte, angerechnet wurde als Nachweis für die Befähigung zur Führung eines Geschäfts. Auf die Prüfung wurde dann tatsächlich seitens der Kammer verzichtet. Frieda Bei erhielt sogar die Erlaubnis, Lehrlinge auszubilden.

In der Zeit nach dem Krieg wurden Geschenkartikel und später auch Tiefkühlkost, sowie Getränke in das Sortiment aufgenommen.

Am 8. 3. 1968 kündigte die EDEKA per Schreiben völlig überraschend die Warenlieferungen zum 15. 3. auf. Grund für diese Kündigung war ein Umsatzrückgang im Jahre 1967. Ein Einspruch von Frieda Bei änderte nichts an der Entscheidung der EDEKA, die ebenso auch „Strumpeerersch“ und andere kleine Geschäfte in den umliegenden Dörfern betraf, die ehemals alle zu der Genossenschaft Kastellaun gehört hatten. Die kleineren Genossenschaften waren inzwischen zu einer großen Genossenschaft mit Sitz in Koblenz zusammengeschlossen worden.

Das Geschäftsguthaben, das bei Gründung der Genossenschaft eingezahlt worden war, wurde Frieda Bei aufgrund ihres Einspruchs ohne die übliche Wartezeit von einem Jahr sofort ausgezahlt.

Die Warenlieferung übernahm nun die Firma Kalmes in Treis/Karden.

1968 übernahm Christel Michel, geb. Lang, Nichte von Frieda Bei, das Geschäft und führte es weiter bis 1984.

Im Jahr 1984 wurde das Geschäft geschlossen, weil es sich wegen der Angebote der Supermärkte in Kastellaun und der Mobilität der Bevölkerung nicht mehr rentierte.

„Strumpeerersch“ hatten schon ca. zwei Jahre früher ihren Laden geschlossen.

Seit 1984 gibt es in Bell kein Geschäft mehr!


FRIEDA BEI (Franze)/
HELMUT LANG (Rechermäiersch)