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Mein Heimatdorf (von Franz Hartmann)

Weitab vom Weltgetriebe
Hoch auf des Hunsrücks Höhn
Da findest du ein Dörfchen
so herrlich und so schön.
Es ist des Dorfes Name
all überall bekannt,
Denn schon vor grauen Zeiten,
Da ward es Bell genannt.
Hier wohnen liebe Menschen
In Häusern schlicht, doch rein,
Und mir ist’s eine Freude,
Des Dorfes Kind zu sein.
Inmitten dieses Dorfes
Ein alter Brunnen fließt,
Der über zwei Jahrhundert
Sein Wasserspender ist.
Er hat so manchen Wandrer
Gelabet und erquickt,
Hat manchen Durst gestillet
Im rechten Augenblick.
Er war so viele Jahre
Das Herzstück hier von Bell
Bis dann die Wasserleitung
Gerückt an seine Stell.
Heut steht er nur zur Zierde
Des Beller Dorfes noch,
Noch immer läßt er sprudeln
Das Wasser in den Trog.
Und gehen wir vom Brunnen
Ein wenig dann bergauf,
So nimmt uns gleich die Linde
In ihren Schatten auf.
Sie hat als Friedenslinde
In manchem Sturm geweht,
Doch unter ihren Zweigen
Das Kriegerdenkmal steht.
Nun grenzt an diese Linde
Das neue Rathaus an,
Das sich in weiter Runde
Wohl sehen lassen kann.
Zuerst kommt man ins Backhaus,
Das ist so wunderschön.
Und hat man sich besudelt,
Kann man gleich baden gehn.
Auch für die Toilette
Reichlich gesorget ist;
Die schönste Wasserspülung
Man hier auch nicht vermißt.
Und für die Feuerspritze
Auch noch ein Raum ist da,
Daß sie stets startbereit,
Wenn’s brennt - ob fern ob nah.
Es ist im ersten Stocke
Ein mächtig schöner Saal
Mit wunderschönen Tischen
Und Stühlen ohne Zahl.
Und nebenan die Küche
Vortrefflich eingebaut,
Die dienen beid zum Feiern,
Wenn ein Paar wird getraut.
Es wohnt im Dachgeschosse
Der Hausmeister gar nett,
Der immer dafür sorget,
Daß alles in Ordnung geht.
Hoch oben von dem Türmchen
Ein helles Glöcklein klingt,
Das alle Beller Bürger
Gar schnell zusammen bringt.
Dann kommt die alte Kirche,
Das Wahrzeichen von Bell;
Auf Felsengrund gemauert
Wohl auf der höchsten Stell.
Es war ein großer Meister,
Der diese Kirche schuf,
Der in dem goldnen Schnitte
Gezeichnet den Entwurf.
Er hat sie aufgebauet;
Sie stehet stolz und mächtig
Und wurde eingeweihet
Jakobi Tausendsechzig!
Im Inneren erneuert
So einfach und so schlicht;
Doch der, der sie gesehen,
Sagt nur: Wie ein Gedicht!
Und in dem Turme hängen
Zwei Glocken sehenswert,
Die wegen ihres Alters
Von ungeheurem Wert.
Sie wurden schon gegossen
Ich sag es mit Bedacht:
Die Kleine 1313,
Die Große 1408.
Die Dritte Glocke einstens
Dem Krieg zum Opfer fiel.
Jedoch paar Jahre später
Ne neue Einzug hielt.
Doch diese hat nicht lange
Verschönert das Geläut,
Dann ist auch sie gegangen
Den Weg der Sterblichkeit.
Nun tun die beiden Alten
Alleine in dem Turm
Getreulich ihre Pflicht
Bei Sonnenschein und Sturm.
Die Kleine läutet täglich
Früh von dem Turm herab,
Und auch an jedem Abend
Bringt sie den Tag zu Grab.
Die Große jeden Werktag
Ruft in der Mittagszeit
Zur Heimkehr und zur Einkehr
Die ganze Christenheit.
Am Sonntag rufen beide
Die ganze gläub’ge Schar
Zum Lob und Danke Gottes
Zum kirchlichen Altar.
Dann rufen sie noch weiter
Im ganzen Kirchspielkreis:
O kommt! O kommt noch heute!
Ob Kind, ob Mann, ob Greis.
Sie rufen auch zur Taufe,
Zur Konfirmation,
Rufen zum Traualtar,
Zur heiligen Kommunion.
Und wenn ein müder Wandrer
Vollendet seinen Lauf,
Geleiten ihn die Glocken
Den steilen Berg hinauf.
Man schaut vom Turme droben
Gar weit ins Land hinein.
Man sieht die Eifelberge
Bei klarem Sonnenschein.
Und hinter dieser Kirche
Da liegt der Friedhof nun,
Umgeben von Kastanien
So manche Lieben ruhn.
Und muß ich einmal scheiden,
So soll mein Wunsch der sein:
Unter’m Schatten der Kastanien
Will ich begraben sein! 

Und wenn man weiter wandert
Ins liebe traute Tal,
Bleibt man vor Staunen stehen
Ob dieser Schönheit all.
Durch eine Wiesenmulde
Führt uns der Weg dorthin;
Ein schmales Wiesentälchen
Liegt zwischen Bergen drin.
Durch dieses Tälchen rieselt
Ein Bächlein klar und sacht,
Das sich zu seinem Ziele
Die Mosel ausgedacht.
Und in dem klaren Bächlein
So muntre Fischlein schwimmen;
Man höret von den Bergen
Gar fröhliches Vogelsingen.
Hier sieht man kahle Felsen
Bewachsen leicht mit Moos,
Worauf kein Sträuchlein grünet;
Sie sind gar nackt und bloß.
Man sieht hier schlanke Tannen,
Daneben Buchen stehn,
Und starke deutsche Eichen
Sieht man im Winde wehn.
Und in dem Wiesengrunde
Das Gras so saftig grün,
Dazwischen bunte Blumen,
Am Rande Schlehen blühn.
Hier kannst du auch mal sehen,
Wenn einmal Glück du hast,
Wie an dem Waldessaume
Ein Rudel Rehe grast.
Und willst du noch so leise
Dich nähern dann dem Ort,
So sind sie weggeblasen,
Sind all auf einmal fort.
Drum bleib in Andacht stehen,
Verjage nicht das Wild!
Wer weiß, ob du im Leben
Noch einmal siehst solch Bild.
Man sieht die alten Mühlen,
Die Wasserräder leer,
Und auch das traute Klappern,
Das hört man heut nicht mehr.
Sie rufen alte Zeiten
Noch einmal in uns wach,
Wo man so manche Stunde
Verbracht bei Nacht und Tag.
Wo man im Mühlenstübchen
Oft lag in süßer Ruh
Und hört dem Wasserrauschen
Und auch dem Klappern zu.
Der eine nie im Leben
den Tag vergessen kann,
Da er in dem Getriebe
Fast um sein Leben kam.
Der andre auch im Leben
Die Stunde nie vergißt,
Da er im Mühlenstübchen
Ein Mädel hat geküßt.
Der dritte denkt mit Gruseln
Heut noch an jene Nacht,
Die er mit einem Mädchen
Im Mühlchen zugebracht.
Das war ihm schlecht bekommen;
Es folgte etwas nach:
Sie mußt ihn heimwärts führen,
Weil er zwei Rippen brach.
Wenn sie, was sie erlebten,
Uns einmal täten kund,
Mit Wonne würd man lauschen,
Den Mühlen in dem Grund.

Du bist mir lieb geworden,
Du teure Heimat mein!
Du wirst wohl meine Freude
Auch noch im Alter sein!

 

FRANZ HARTMANN (Vogts)
ohne Datumsangabe
(wahrscheinlich zur Einweihung
des Gemeindehauses 1952)